google-site-verification=YH2q0GamxuBGl1qV7ricoQL3nWE1D6EaWslbGN0HiSg Anno dazumal: Die "Erbschenke"

Anno dazumal: Die "Erbschenke"


In unserer Serie stellen wir die Gebäude des Ortes vor, an denen bisher eine Haustafel angebracht wurde. Heute stellen wir die »Erbschenke« vor.

Der Sitz des Ding- oder Rügengerichtes von Behlitz war die Schenke. Das Richteramt in früher Zeit war »walzend«, d. h. jeder Einwohner musste über einen Zeitraum das Amt ausüben. Diese Männer waren keine Juristen, sondern Handwerker, Bauern... und entschieden nach eigener Erfahrung und Vernunft.

Mit dem Niederlegen des Gerichtsstabes, dem Symbol der richterlichen Würde, endete die Verhandlung. Anschließend gab es einen gemeinsamen Schmaus, bei dem auch Gemeindebier ausgeschänkt wurde, welches meist durch die einkassierten Strafgelder finanziert wurde. Recht und Recht wurden auch früher schon mit zweierlei Maß gemessen. Das Amt des Dorfrichters war sehr angesehen. Bis zur Vereinigung von Böhlitz und Ehrenberg im Jahre 1839 hatte jede Dorfgemeinschaft sein eigenes Oberhaupt. Die »Erbschenke«, in der die alljährlichen Gerichtstage abgehalten wurden, befand sich gleich neben dem Behlitzer Dorfplatz. Dieser wird heute nicht mehr als solcher angesehen. Die Fläche der Auenstraße vor dem Mehnertschen Gut bis zur Unteren Mühlenstraße ist heute nur noch eine etwas breitere Straße. Früher war dies der Mittelpunkt des dörflichen Lebens und die Richtstätte. Zur »Erbschenke«, die erstmals 1625 Erwähnung fand, gehörte eine über der Straße liegende Bierbrauerei und die damit verbundene Berechtigung zur Ausübung des Brau- und Schankrechtes. Auf dieses war man sehr stolz und verteidigte es auch mehrfach vor dem Richter. So musste der Gundorfer Pfarrer Jacobi seinen Bierausschank einstellen. Auch der Streit mit dem Ratsförster im Jahr 1696 endete zugunsten des Erbschenkenwirtes.

Geklagt wurde u. a. auch gegen den Ausschank fremden Bieres, welches bei einer Taufe ausgegeben wurde. Fremdes Bier kam aus Großmiltitz, Altranstädt und Kötzschlitz. Im Jahr 1697 verkaufte der Erbschenkenbesitzer seine Braugerechtigkeit an den Neuscherbitzer Rittergutsbesitzer. 1824 erwarb Johann Carl Friedrich Heine, der Vater des Leipziger Industrie-Pioniers Dr. Carl Heine, das Gundorfer Rittergut Neuscherbitz und war Pächter der »Erbschenke« in Böhlitz. 1862 erstand der Gastwirt Friedrich Schade von Herrn Platzmann das Gasthofsgrundstück.

Der in vielen neuzeitlichen Publikationen über Böhlitz-Ehrenberg zitierte Widerspruch des Gastwirtes Schade aus dem Jahr 1864 wurde bisher immer auf den Gasthof »Waldmeister« und den Namen Gustav Hecht bezogen. Dies ist falsch, denn das uns heute bekannte Gebäude des »Waldmeisters« wurde erst im Jahr 1894 erbaut. Vielmehr bezieht sich der Einspruch auf die Erteilung des Bierausschanks durch den Materialienhändler Andreas Apitzsch. Schade wollte verhindern, dass eine zweite Schenke im Ort betrieben werden durfte. Sein Einspruch war erfolglos. Apitzsch erhielt die Konzession zum Betreiben einer Schenkwirtschaft und eröffnete im Jahre 1864 ein Gasthaus, später »Zur großen Eiche«. Schade bewirtschaftete seine »Erbschenke« trotz einer weiteren Schenke erfolgreich weiter. 1864 erbaute er gegenüber der »Erbschenke« einen Tanzsalon. Noch 1890 wird in einer Auflistung der Gewerbetreibenden »Schade’s Gasthof« erwähnt, jedoch ist nicht bekannt, wie lange er selber als Gastwirt tätig war. Von 1883 bis 1886 war Friedrich Schade Mitglied des Schulvorstandes. Als Berufsbezeichnung ist dort Gasthofsbesitzer angegeben. Um 1890 erwarb Gustav Hecht »Schade’s Gasthof«. Auf einer Ansichtskarte mit einem Bild des 1894 neu erbauten »Waldmeisters« sieht man auch das Gebäude der »Erbschenke« mit der Beschriftung »Restaurant zum kleinen Waldmeister«. Vermutlich führte Gustav Hecht das Gasthaus unter diesem Namen weiter. Im Kulturspiegel von 1955 ist zu lesen, dass vielen Einwohnern die »Erbschenke« noch als »Kleiner Waldmeister« bekannt sei. Ebenso fanden wir in einem alten Fotoalbum eine Aufnahme des Dorfplatzes und des Gebäudes der »Erbschenke«, unter dem in altdeutscher Schrift vermerkt ist »...(Kleiner Waldmeister)...«.

In den 1930er Jahren wurde die Schenke vom Wirt Herr Scherer als »Gastwirtschaft zum Nordpol« bewirtschaftet. Weder zum »Kleinen Waldmeister« noch zum »Nordpol« haben wir weitere Angaben gefunden. Die vielen Klagen und Einsprüche in der damaligen Zeit konnten nicht verhindern, dass sich im Ort um 1900 viele Gasthäuser etablierten bzw. neu eröffneten:

• Waldmeister (Auenstraße) – heute Möbelhaus

• Gute Quelle (Auenstraße 63) – heute Wohnhaus

• Grüne Aue (Auenstraße 35) – heute Gaststätte

• Zur Börse (Leipziger Straße 96) – heute Gebäude abgerissen

• Ritterschlösschen (Leipziger Straße 2) – heute Ruine

• Große Eiche (Leipziger Straße) – heute Soziokulturelles Zentrum, Gaststätte im Eckgebäude steht leer

• Sport (Leipziger Straße, Wirtin Frau Schilling) – heute Optiker Brödner

• Obstweinschänke Schloß Ehrenberg, später »Zur Post« (Leipziger Straße 56) – heute ?

• Feldschlösschen (Untere Mühlenstraße) – heute Wohnhaus

• Schloss Wettin (Pestalozzistraße) – Berufsschule, heute Seniorenresidenz

• Cafe zur Post (Leipziger Straße) – heute Wohnhaus

• Richard Stengler Gastwirtschaft (Südstraße/Ecke H.-Heine-Str.), später »Sternburgeck« – heute Leerstand

• Neue Welt (H.-Heine-Straße/Ecke St.-Zweig-Straße) – heute Wohnhaus

Aus heutiger Sicht erscheint die große Anzahl von Einkehrmöglichkeiten verlockend. Die meisten dieser Gasthäuser in Böhlitz-Ehrenberg existieren leider nicht mehr. Auch die »Erbschenke« wird heute als Wohnhaus genutzt. Liebe Böhlitz-Ehrenberger sowie Leser des Gemeinde-Blattes, ab wann hieß die Gaststätte »Nordpol« und bis wann wurde diese bewirtschaftet? Falls Sie wissen, was es mit den Namen »Kleiner Waldmeister« auf sich hat oder falls Sie weitere Informationen zur »Erbschenke« haben, würden wir uns freuen, wenn Sie uns helfen, die Geschichte unseres Ortes weiter aufzuarbeiten. Immer dienstags ist unser Heimatmuseum in der Südstraße geöffnet.

Kirsten Haasch

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