30 Jahre Rettungswache in Böhlitz-Ehrenberg


Eine wesentliche Entscheidung im August 1990 für die Sicherheit unserer Bürger war die Zustimmung zur Schaffung einer Rettungswache in Böhlitz-Ehrenberg. Mit der Dezentralisierung des Rettungsdienstes in Leipzig (ehemals SMH/DMH in der Jahnallee) war die Gemeinde Böhlitz-Ehrenberg die erste, welche ihre Bereitschaft erklärte und Unterstützung anbot.


Nun lag es an der Gemeinde, die entsprechenden Voraussetzungen zu schaffen. In einem waren sich alle einig – Feuerwehr und Rettungsdienst gehören zusammen. Also mussten im Objekt des Feuerwehrgerätehauses in der Bielastraße 22 wesentliche Dinge verändert werden. Es wurden Umkleide-, Sanitär-, Aufenthalts- und Ruheräume, Möglichkeiten zur Lagerung von medizinischem Reservematerial sowie ein kleines Büro benötigt. Dies gab das Gerätehaus nicht her. Deshalb musste eine Wohnung geopfert werden. Trotz der damals noch angespannten Wohnungssituation konnte eine günstige Wohnung gefunden und Kamerad Uwe Hennig von einem Auszug überzeugt werden. Dies schmälerte zwar geringfügig die Einsatzbereitschaft der Feuerwehr (alle Wohnungen waren damals mit Einsatzkräften der Wehr belegt), brachte aber auch erhebliche Vorteile. Die Räumlichkeiten konnten in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Roten Kreuz, Kreisverband Leipzig-Stadt e. V. und der Gemeindeverwaltung recht problemlos hergerichtet werden. So wurde die elektrische Anlage den Erfordernissen angepasst sowie gasbetriebene Außenwandheizer installiert. Auch die Ausstattung mit Mobiliar, welches im Wesentlichen aus Spenden bestand, war einfach. Selbst der Freistaat Sachsen stellte ein Funk-Pult zur Verfügung. Probleme gab es nur mit der Deutschen Post zur weiteren Installation eines Telefonanschlusses. Ein Stellplatz für den Rettungswagen wurde durch Umstellung der Löschtechnik in der Fahrzeughalle geschaffen.


Mit der Inbetriebnahme der Rettungswache war gleichzeitig die ständige Besetzung der Feuerwache durch einen »Diensthabenden« der Feuerwehr geplant. Der »Diensthabende« wurde von den technischen Mitarbeitern der Gemeindeverwaltung und Angehörigen der FF gestellt. Dieser hatte insbesondere die Aufgabe der Vermittlung des Rettungsdienstes, der Freiwilligen Feuerwehr und der Hausbereitschaft der kassenärztlichen Dienste (Hausbereitschaftsarzt) sowie die Entgegennahme von allgemeinen Meldungen auf dem Gebiet der Ordnung und Sicherheit. Zwischen den im Ort niedergelassenen Ärzten und der Gemeindeverwaltung wurde eine Vermittlungsvereinbarung abgeschlossen. Zwischen den Ärzten, dem Rettungsdienst und unserer freiwilligen Feuerwehr entwickelte sich ein sehr gutes Verhältnis. Am 27.3.1991 wurde dieser 24-Stunden-Dienst begonnen, die Inbetriebnahme der Rettungswache erfolgte zum 1.4.1991.



Die Alarmierung des Rettungswagens erfolgte zu diesem Zeitpunkt noch telefonisch von der Feuerwehr- und Rettungsleitstelle in Leipzig. Eine Alarmierung über Pager oder andere technische Geräte gab es zu diesem Zeitpunkt nicht. Gleiches Problem trat für unsere Feuerwehr auf. Die Funkalarmempfänger vom VEB RFT konnten kaum noch bzw. nicht weiterverwendet werden. Alternativen gab es noch nicht, so wurde immer die Sirene zur Alarmierung verwendet. Ausrückebereiche für den Rettungswagen waren nicht nur die Stadtteile Leutzsch, Lindenau und Grünau, sondern natürlich die Ortslagen von Böhlitz-Ehrenberg, Burghausen, Rückmarsdorf, Lindennauendorf, Frankenheim und Dölzig.


Der günstige Standort in Böhlitz-Ehrenberg machte die Rettungswache in kürzester Zeit zur meist frequentierten Wache. Die Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedern des Rettungsdienstes und unserer freiwilligen Feuerwehr entwickelte sich sehr gut, es entstand ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Nicht nur gemeinsame Einsätze, sondern auch gemeinsame Ausbildung erfolgte. Zur Verbesserung der Kommunikation der technischen Mitarbeiter (Bauhof), des ortspolizeilichen Vollzugsdienst, des Diensthabenden und des kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes wurde eine Betriebsfunkanlage (70 cm Bündelfunk) zum 1.9.1991 angeschafft und in Betrieb genommen. In Zusammenarbeit mit der Internationalen-Flug-Ambulanz e. V. (IFA) wurde 1992 am Wasserturmplatz ein Hubschrauberlandeplatz eingerichtet. Bäume und Strauchwerk wurden verschnitten und eingekürzt. Das »H« auf der Wiese ist heute noch zu sehen. Teilweise wird dieser Landeplatz durch den Rettungshubschrauber »Christoph« noch genutzt. Die IFA war bis 2005 für Leipzig zuständig. Es war eine angenehme Zusammenarbeit.


Nach der Gemeindegebietsreform im August 1994 kam es zwischen den neu gebildeten Kreisen Leipziger Land, Muldentalkreis und Landkreis Döbeln zur Bildung eines Rettungszweckverbandes. Durch diesen wurde in Grimma eine gemeinsame Leitstelle für Feuerwehr und Rettungsdienst errichtet. Aufgrund dieser Bildung sollte unsere Rettungswache zum 31.12.1995 geschlossen werden. Die Begründung war, dass ein Rettungsmittel der Stadt Leipzig (DRK Leipzig Stadt e. V.) nicht im Landkreis »retten« durfte. Die politischen Fronten zwischen dem Kreis Leipziger Land und der Stadt Leipzig verhärteten sich. Leidtragende sollten unsere Bürger und die Feuerwehren sein.


Am 11.9.1995 gründete sich unter Mitwirkung des ehemaligen Bürgermeisters Siegfried Manig der »Förderverein Feuerlösch- und Rettungswesen Böhlitz-Ehrenberg e. V.« Dieser hatte vorrangig den Erhalt der Rettungswache in Böhlitz-Ehrenberg, die Verbesserung des kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes und die qualifizierte Ausbildung von Einsatzkräften der Feuerwehr auf dem Gebiet der »Ersten Hilfe« zum Ziel.



Am 1.1.1996 wurde aufgrund der Festlegung neuer Bereichspläne die Rettungswache in Böhlitz-Ehrenberg geschlossen! Die Silvesternacht war der letzte Dienst dieser engagierten Kräfte. Es war ein trauriger Jahresanfang, weitere Tiefschläge sollten folgen. Zum Florianstag im Mai 1996 sammelte die Freiwillige Feuerwehr unserer Gemeinde 1200 Unterschriften für eine Petition an den sächsischen Landtag zum Erhalt der Rettungswache in Böhlitz-Ehrenberg. Die Inbetriebnahme der neuen Feuerwehr- und Rettungsleitstelle in Grimma führte zu Verzögerungen bei der Alarmierung der Feuerwehr und des Rettungsdienstes. Ging doch der Notruf unserer Bürger bei der Leitstelle in Leipzig ein und musste dann nach Grimma weitervermittelt werden. Die Rettungsmittel kamen nunmehr aus dem Landkreis Leipziger Land (Schkeuditz und/oder Markranstädt). Die gesamte Situation führte zur Unzufriedenheit – nicht nur bei den Kameraden unserer Feuerwehr, sondern auch bei den Bürgern. Es gingen eine Vielzahl von Beschwerden über zu lange Hilfsfristen bei der Feuerwehr ein. Teilweise dauerte die Versorgung von verletzten Bürgern fast 45 Minuten. Die Bürger wurden durch die Gemeindeverwaltung aufgefordert, die Zeiten im Notfall von Alarmierung bis zum Eintreffen des Rettungsmittels zwecks Erfassung zu melden.


Aufgrund der Schließung der Rettungswache wurde im September 1996 auch der 24–Stundendienst in der Feuerwache abgeschafft. Das Personal wurde innerhalb der Gemeindeverwaltung umgesetzt. Dies minderte die allgemeine Ordnung und Sicherheit im Ort sehr. Es gab keinen Ansprechpartner für die Bürger. Die Vermittlung des kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes erfolgte ebenfalls über Grimma durch die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KVS). Die schnelle Alarmierung der Feuerwehr kam ebenfalls ins Hintertreffen. Die Funkalarmempfänger (Pager), welche zwischenzeitlich durch die Gemeinde beschafft wurden, wurden umgequarzt, der Fahrzeugfunk umprogrammiert, so dass zur Leitstelle Leipzig kein Kontakt mehr bestand. Es war ein schlimmer Zustand!


Ein offener Brief der Kameraden unserer Freiwilligen Feuerwehr an den Gemeinderat führte zu einem zusätzlichen Tagesordnungspunkt der Gemeinderatssitzung am 21.11.1996. Der angestaute Ärger über die ständigen Probleme bei der Alarmierung der Feuerwehr sowie eine Vielzahl von Beschwerden der Bürger über zu lange Hilfsfristen im Rettungsdienst standen auf der Tagesordnung. Diese Gemeinderatssitzung war eine der meistbesuchten Sitzung in den letzten Jahren, waren doch fast alle Mitglieder der FF mit ihren Angehörigen sowie sehr viele betroffene Bürger zu dieser Sitzung erschienen. Schnell erkannte der Gemeinderat und Bürgermeister Koj aufgrund der Häufung sachlicher Argumente der Anwesenden den dringenden Handlungsbedarf. Bereits drei Wochen später erfolgte die Ausgabe neuer Pager zur Alarmierung unserer Einsatzkräfte von der Leitstelle Leipzig, der Fahrzeugfunk wurde ebenfalls kurzfristig umprogrammiert. Die im gleichen Zusammenhang (Schließung der Rettungswache) erfolgte Petition an den Sächsischen Landtag brachte Zwischenergebnisse und machte uns Hoffnung zur baldigen, wenn auch befristeten Inbetriebnahme des Rettungswagens in Böhlitz-Ehrenberg. Doch es sollte dauern.


Das Gelände der Verbundnetz Gas AG in der Liebigstraße (heutige Lise-Meitner-Straße) wurde 1997 der Gemeinde zur Nutzung übergeben. Dies sollte künftig der Standort einer neuen Feuer- und Rettungswache sein. Unsere freiwillige Feuerwehr übernahm symbolisch die Schlüsselgewalt. Nun mussten Nägel mit Köpfen gemacht werden. Obwohl der Standort aus der Sicht der Einsatzkräfte der Feuerwehr sehr ungünstig lag, sollte es keine Alternative geben (Festlegung Bürgermeister Koj). Durch den Förderverein »Feuerlösch- und Rettungswesen Böhlitz-Ehrenberg e. V.« wurde eine relative große Zahl von Einsatzkräften der freiwilligen Feuerwehr zum »Rettungssanitäter« ausgebildet und das »First Responder System« (Ersthelfer) aufgebaut und eingeführt. Die erforderliche Rettungstechnik sowie Materialien beschaffte ebenfalls dieser Förderverein.


Am 17.12.1998, um 18.37 Uhr, kam es zum ersten First Responder Einsatz nach Einführung dieses Systems in unserer freiwilligen Feuerwehr. Aufgrund langer Anfahrtszeiten des Rettungsdienstes wurde zusätzlich zu einem medizinischen Notfall (Herz- und Kreislaufstillstand) unsere FF alarmiert. Durch die Rettungssanitäter unserer Wehr, welche ca. sieben Minuten vor dem Rettungsdienst eintrafen, wurde eine Herz-Lungen Wiederbelebung erfolgreich durchgeführt.



1998 erfolgte die Einrichtung der provisorischen Rettungswache im Objekt Liebigstraße 14 (heutige Lise-Meitner-Straße). Der Rettungswagen des DRKs Leipzig Stadt nahm wieder seinen Betrieb in Böhlitz-Ehrenberg auf. Vorläufig aber in einer eingeschränkten Einsatzzeit, täglich von 6.00–22.00 Uhr. In den Nachstunden kam der Rettungsdienst auch weiterhin noch aus Schkeuditz oder Markranstädt.


Durch die Eingemeindung nach Leipzig ist nun die Rettungswache ab 1.1.1999 wieder »rund um die Uhr« im Ort besetzt. Vorläufig noch im sogenannten Übergangsobjekt Liebigstraße (Lise-Meitner-Straße). Auch die Vermittlung des kassenärztlichen Hausbereitschaftsarztes erfolgt wieder von Leipzig. Selbst der Notarzt muss nun nicht mehr aus Schkeuditz kommen, dieser kommt jetzt aus dem Diakonissenkrankenhaus. Aus dem DRK-Kreisverband Leipzig-Stadt e. V. hat sich der »DRK Rettungsdienst Leipzig gGmbH« gebildet. Das Objekt in der Lise-Meitner-Straße wurde nicht wie geplant für die Feuerwehr genutzt. Dort sind neben dem Bauhof Böhlitz-Ehrenberg noch andere Ämter der Stadtverwaltung vertreten. Jedoch ist die Rettungswache im Objekt geblieben. Die Räume wurden im Laufe der Jahre etwas erweitert und modernisiert. Die Mitarbeiter arbeiten zwischenzeitlich im 12-Stunden-Wechseldienst.



Die Freiwillige Feuerwehr hat nach der Eingemeindung nach Leipzig das First Responder System ausgebaut und wird in kritischen Fällen gemeinsam mit dem Rettungsdienst bis zum heutigen Tag alarmiert. Die Anzahl der Einsätze der Rettungswache in Böhlitz-Ehrenberg betrug im letzten Jahr 4111 Einsätze gesamt. Davon gab es 2070 Einsätze am Tag und 2041 in der Nacht. Der Einsatzbereich hat sich unwesentlich verändert. Die Bereiche in den Kreisen Nordsachsen (Dölzig) und Kreis Leipzig (Lindennauendorf) sind weggefallen. Dafür kamen der Stadtteil Wahren und der Ortsteil Lützschena/Stahmeln dazu.

Die künftige Entwicklung der Rettungswache steht nicht in den Sternen, sondern im Entwicklungskonzept des Rettungsdienstes der Stadt Leipzig (bis 2030). Hier wird voraussichtlich die Rettungswache für immer geschlossen und Alternativen aufgezeigt. Auf jeden Fall wird unser Ortsteil auch künftig unter Einhaltung der Hilfsfristen vom Rettungsdienst der Stadt Leipzig versorgt werden.

C. Hofmann, Fotos: M. Stier

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