google-site-verification=YH2q0GamxuBGl1qV7ricoQL3nWE1D6EaWslbGN0HiSg Anno dazumal: Haustafel »Gundorfer Mühle«

Anno dazumal: Haustafel »Gundorfer Mühle«

Förderverein Ortsgeschichte Böhlitz-Ehrenberg e. V.


Die bereits 2019 angebrachte Haustafel am Grundstück Mühlenplatz 1 »Gundorfer Mühle« möchte der Förderverein Ortsgeschichte mit dem folgenden Beitrag ergänzen und somit den historischen Ortsrundgang fortsetzen. Etwas Näheres über diese heute verschwundene Mühle in ihren baulichen Restbeständen zu erahnen oder durch Kundige darauf hingewiesen zu werden heißt, nach etwaigen erstmaligen Nachrichten zu suchen, die in grauer Vorzeit zu finden sein mögen. Es stellt sich heraus, in eine lange, fast eintausend Jahre zurückliegende Zeit einzutauchen. Gundorf gehört neben Thekla zu den ältesten schriftlich nachgewiesenen Orten rund um Leipzig und geht bis anno 974 zurück. Bereits ab 1269 kann die Existenz der Gundorfer Wassermühle am Luppe-Lauf als eine der unter dem Merseburger Bischofssprengel stehenden Mühlen schriftlich nachgewiesen werden. Als Bestandteil des Abteiguts Gundorf mit Vorwerk stand die Wassermühle im Besitz des Benediktiner-Peters­klosters Merseburg. Die Gundorfer Wassermühle gehörte wie die Merseburger Königsmühle zum Herrschaftsmonopol des Merseburger Sprengels, der neben reichem Grundbesitz im hiesigen Gebiet unter anderem auch über die Mühlen zu Meuschau, Raßnitz, Wallendorf und Wehlitz verfügte.


Im Laufe der Zeit wurde durch die Lehnsherren eine ganze Palette überlieferter Zwänge, Rechte und Verbote etabliert, die allesamt von der jeweiligen Obrigkeit als sogenannte ´Regale´ verfügt worden sind. Als ein Beispiel soll hier die (laut unverändertem Original) »Churfürst Augusti Mühl-Ordnung vor die an der Saale, Luppe, Elster und Pleiße liegende Mühlen vom 22. Nov. 1568« erwähnt werden. Wie die Aufzählung der Flüsse zeigt, galt diese Ordnung folglich auch für die Wassermühle zu Gundorf. Wie sich die Obrigkeiten durch Vorschriften ihre Pfründe sicherten, fiel bei den Recherchen rund um herrschaftliche Verordnungen auch speziell auf, da beispielsweise für die Gundorfer wie die Mühlen zu Horburg, Raßnitz und Wehlitz festgelegt war, »jährlich einige Zins-Mast-Schweine halten zu müssen, ins Amt Schkeuditz in natura zur Hof-Küche abzuliefern oder mit Gelde bezahlen müssen.« Auch wenn ein wirtschaftlich notwendiger Um- oder Ausbau der Mühle in Planung war, zuvorderst waren nicht nur fachliche sondern auch hoheitliche Vorschriften zu beachten: Als von der Juristen-Facultät Leipzigs in Sachen des Baues einer Öl-Mühle als viertem Gang vorgetragen wurde, war zu beachten, »daß dergleichen Oehl-Mühlen auch in Eurer nachbarschaft, als zu Wehlitz, Gundorf, Behlitz, ohnen Conceßion einiges Privilegii, verstattet werden, sowohl euern Bericht nach, oft erwehnte Besitzer zu Hänichen, wieder euch, kein jus prohibendi (Verbotsrecht, d. Vf.) dißfalls bestendig beizubringen hetten, So seyd ihr dahers, ihres Vorwendens ungeachtet, den Vierdten Mühlengang an Euere Mühlen in eine Oehl-Mühlen zu verwandeln wohl befugt, Alles von rechts wegen.«


Die Geschicke der Gundorfer Wassermühle wechselten in den folgenden Jahrhunderten häufig und blieben nicht von Plünderungen, Einquartierungen, Bränden und Zerstörungen während zahlreicher kriegerischer Auseinandersetzungen verschont. 1547 wurde bei der Belagerung von Leipzig im »Schmalkaldischen Krieg« durch Kurfürst Hanfried das Mahlwerk der Abteimühle zertrümmert, um die Stadt auszuhungern. Nach dem Wiederaufbau hatte die Gundorfer Mühle vier Gänge, eine Öl- und eine Schneidmühle. Die Annalen berichteten, dass anhand der kurfürstlich-sächsischen Mühlordnung von 1568 eine Visitation der Mühle zu Gundorf im Jahre 1694 erfolgte, in deren Verlaufe der seit über zehn Jahren als Müller wirkende Johann Tostlöbe Erläuterungen abgab, wie es um den Zustand seiner Mühle bestellt sei, auch, wie er »den neuen Graben und Ständer keineswegs zum Fall-Gang, sondern nur das frische Wasser in seinen Teich und Tümpel zu leiten« gedächte, »...den neuen Graben und Ständer mit einem doppelten engen Rechen auf seine Kosten versetzen, befestigen und daß dadurch Fische und Krebse nicht mit durchgehen könnten, verhüten, auch den neuen in Weg fallenden Graben, aus dem letzten Tümpel wieder zufüllen und aus dem ersten Tümpel in Garten einen Graben führen wolle, so eben in den alten Graben und also hindurch, am Ende der Schneid-Mühle gegen Abend (also gen Westen, d. Vf.), wie vor alten Zeiten wieder in den Mühlweg fallen, jedoch daß ihme, gleich seinen Vorfahren, in diesen alten Graben eine Reise zu legen, unbenommen verbleibe, wodurch also denen Luppen-Fischern einig nachtheil nicht zuwachsen könne.« Nun erfährt man noch, »mit welchem Erbiethen die anwesenden 7. Luppen-Fischer, vor sich und wegen des Burghauser und Schkeuditzer Fischers, zufrieden gewesen, den Handschlag abgegeben und dieser Vergleich im Amte registriert worden.« Aufmerksame Leser entdecken, dass es seit damals tatsächlich reichte und Rechtsgültigkeit besaß, ein Geschäft mit Handschlag abzuschließen.


Im Laufe der Zeiten gab es Mühlenbesitzer, aus denen folglich u. a. der Bruder Johann des Böhlitz-Ehrenberger Hufschmieds Christof aus der gerühmten Familiendynastie der Tostlöbes herausragte, durch 1681 durch Heirat mit Maria Millen an die hiesige Mühle gekommen. Von 1835 bis 1859 war Carl Friedrich Kuntze zu registrieren. Über die genannten ´Regale´ erwarben die damaligen Mühlenbesitzer damit sowohl die Wasserrechte in der Luppe, die zum Betrieb der Mühle notwendig waren, als auch die Fischereirechte zum Fischfang. Beispielsweise betrug damals die Fischereipacht für die Luppe von Böhlitz bis zur preußischen Grenze und für den Zschampertbach 300 Taler. Während der beginnenden Völkerschlacht 1813 ist die Gundorfer Mühle ein illustrer Schauplatz für strategische Planungen gewesen, da sich eine Anekdote um den Prinzen von Homburg rankt, der als ein kluger, militärstrategischer Befehlshaber gegen Napoleon sich geschickt gerade eben nicht im Schloss Gundorf, sondern in der hiesigen Wassermühle einquartiert haben soll.


Nimmt man von Archivunterlagen der Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts Kenntnis, ist zu erfahren, dass der Kraft speisende Mühlarm der Luppe von den trüben Abwässern der auch wirtschaftlich schnell wachsenden Großstadt Leipzig akut betroffen war. Somit kamen in Gundorfs Luppe die denkbar unhygienischsten Abwässer aus Leipzig an, was ansteigende Erkrankungsraten von Cholera und Typhus auch in Gundorfs Bevölkerung nach sich zog und auf dem Landtag in Dresden thematisiert worden ist. Ab 1893 ewarb die Stadt Leipzig die Gundorfer Wassermühle mit den Wasserrechten und verpachtete 1894 die Mühle an den Konsumverein Plagwitz. Der Konsumverein war damals das erste konsumgenossenschaftliche Mühlenunternehmen Deutschlands!



Im Hochsommer, August 1895, wurde mit 35000 Mark der Feuersicherungskontrakt bei der Gothaer Versicherung abgeschlossen. Der einst verunglückte und nunmehr sozial versorgte, ehemalige Bäckermeister Grolopp wurde von der Geschäftsführung als Vertrauensmann der Verwaltung und Mühlenverwalter eingesetzt. Der damalige Mühlenbetrieb florierte ein Dezennium erfolgreich. Ein Schicksalsschlag: Am 10. Oktober 1905 brannte das Mühlengebäude vollständig aus, die daran angrenzende Radstube wurde sehr stark beschädigt. Verschiedene Analysen ergaben, dass sowohl betriebs- und sicherheitstechnische Aspekte sowie umsatzbedingter Dauerbetrieb, Rentabilitätsfragen und menschliche Aspekte einen Rollenmix ergaben. Eine in Auftrag gegebene ingenieurtechnische Machbarkeitsstudie für den Wiederaufbau der fast vollständig zerstörten Mühlenanlagen führte schließlich »in Hinsicht auf die Kosten« zum Ergebnis, dass der historische Mühlenstandort nicht wieder aufgebaut wurde. Für die Aufgabe des Pachtverhältnisses und der maschinellen Anlage wurden dem dortigen Pächter 15000 Mark und weitere 19000 Mark für die abgebrannten Gebäude zugesprochen. Hinter vorgehaltener Hand ist die nie aufgeklärte Feuersbrunst als ein »cold case« der Kriminalgeschichte anzusehen.



Sei noch gestattet, auf eine nicht unbedeutende Wissensquelle zurückzugreifen, die sich aus der breiten Sagen- und Legendenwelt Gundorfs darbietet: Seit 1864 kursierte in Gundorf eine Mühlen-Sage. Nach dem Entfernen eines sogenannten Spuksteins aus der westlichen Mauer am Stallgebäude der Mühle im Zuge von Bauarbeiten existierten dort ungewöhnliche Geräusche und spukhafte Erscheinungen. Trotz des Wiedereinbaus des Steins in die Stallwand blieben verschiedene Gerüchte bis in die heutige Zeit erhalten! Das vorhandene Mühlenwehr an der Luppe wurde 1935 zurückgebaut, die vorhandenen Mühlengebäude später abgerissen und umgebaut. Noch heute aber erinnert das Wohnhaus als Relikt der Mühle am Mühlenplatz 1 an die ehemaliger Gundorfer Wassermühle und deren ereignisreiche Geschichte.

Hannelore Schaaf

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