Goethe in Böhlitz-Ehrenberg

Förderverein Ortsgeschichte Böhlitz-Ehrenberg e. V.:


Kurz vor Abgabetermin des weiteren Zwischenberichts der coronabedingt ruhenden Arbeiten im Förderverein Ortsgeschichte Böhlitz-Ehrenberg lockte ein herrlicher Sonnentag zu einem Radausflug und Spaziergang. Allerdings konnte man noch nicht an Goethes »Osterspaziergang« denken, doch man griff schon mal vor: »Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick«. So kam es während der Radtour in den heimatgeschichtlich orientierten Sinn, um einen weiteren Denkanstoß zu erhalten.


Böhlitz-Ehrenberg punktet schon mal, mindestens dreimal mit Goethes Namen – zentral in der Mitte der Gemeinde befindet sich die geschätzte Goethe-Apotheke, deren hundertstes Jubiläum kürzlich, im vergangenen Jahr 2020, feierlich begangen worden ist. Die Radrunde drehend erreicht man den Goethe-Platz und erblickt weiterhin noch, worauf das beiläufig schweifende Auge fällt, ein eher kleines Schild »Hier war Goethe«. Aha, achso. Nach erquicklicher Fahrt zu Hause angekommen, wird nach Quellen der Erkenntnis gesucht, in älteren und jüngeren Werken zur hiesigen Ortsgeschichte geblättert, und siehe da: in der verdienstvollen Broschüre »Die Straßen von Böhlitz-Ehrenberg« von Herrn Helge Schmidt sowie in der Neuauflage von 2017 sind etliche Notizen enthalten. Um jedoch noch weiter zu konkretisieren, warum und wann genau nun der »olle Goethe« (oder war er damals noch recht jung?) hier in Böhlitz-Ehrenberg gewesen sein soll, das entzieht sich (zumindest für uns) noch mangels an Beweisen.


Erst sechzehnjährig weilte Johann Wolfgang Goethe (damals noch lange nicht berühmter »Geheimrath« oder gar von Adel, das geschah erst 1782) erstmalig von 1765 bis 1768 in Leipzig, war dort als Student der Rechtswissenschaften (Jura) unter die etwa vierhundert Studenten aus Nah und Fern gegangen. Leipzigs Ruf als weltläufige Stadt lockte Gelehrte und die es werden wollten, nicht nur aus Deutschland, sondern ganz Europa an. Auch auf »Hungerleider«, also weniger bemittelte, sondern ziemlich bedürftige Studiosi wirkte Leipzigs Universität als bekannt nicht nur durch zahlreiche Stipendien. Die turbulente Stadt bot für Arbeitssame sogar diverse Nebenerwerbe an, um sich den Notgroschen zu verdienen. Johann Wolfgang Goethe als ein Kind aus bestem Hause betraf das weniger. Zu jener Zeit war Leipzig mit etwa dreißigtausend Einwohnern eine relativ große Stadt, wohlbekannt durch seine Messen. Goethes früh erwachter Natursinn ließ ihn die im Mondschein halb beleuchteten, halb beschatteten Straßen erleben. Sie luden ihn oft zu nächtlichen Spaziergängen ein. Aus Goetheschen literarischen Schriften sind seine »Spaziergänge« bekannt, die ihn auch an die berühmten, teils im Moralverständnis der damaligen Zeit »verrufenen« Plätze, Gaststätten, Herbergen, Kaschemmen usw. führten. Später schrieb er, was sich dauerhaft in die geistige Vorstellung der Leute einbrennen würde »Mein Leipzig lob ich mir – es ist ein klein´ Paris und bildet seine Leute!« Wenn der junge Goethe schon mit Begleitschreiben an bestimmte Herrschaften, an die städtische bzw. künstlerische Obrigkeit in Leipzig auf offene Türen stieß, bedeutete das viel für seinen weiteren Lebensgang. Doch es trieb ihn aber auch aus der verbundenen Förmlichkeit von Etikette und gesellschaftlichen Normen engagiert hinaus in die Natur, ins wahre Leben. Er sammelte »poetischen Stoff auf einsamen Wanderungen durch das Rosenthal, durch Gohlis, Raschwitz und andere benachbarte Orte. Ganz ohne dichterische Ausbeute kehrte er nie heim«, berichten die Annalen über Goethe. Sollte es ihn auch eines Tages so ähnlich nach hierher verschlagen haben, will man gerne wissen. »Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen«, ist von dem berühmten deutschen Dichter überliefert, und in diesem Sinne erkundete er seine Lieblingsplätze bevorzugt auf zwei Beinen.


Wenige Zeit nach Goethes erstem Aufenthalt in Leipzig, nach 1770, erschienen in Reimform gedruckte Verse wie über die Kuchengärten von Reudnitz, von Gohlis, vom Rosenthal usw. Auf der linken oberen Ecke sind in den Kupferstich, der die bezeichnete Gegend rundum Leipzig zeigt, auch die hiesigen Ortsnamen Barneck, Böhlitz und Ehrenberg eingraviert! Eine alte Literaturquelle betonte, dass »sämmtliche Dörfer, die Goethe als Zielpunkte seiner Leipziger Spaziergänge in ›Dichtung und Wahrheit‹ nennt«, auf dem Kupferstich zu sehen seien. Geht man davon aus, dass die hiesige Fingerzeig-Plakette »Goethe war hier« tatsächlich korrekt sein kann, wäre natürlich eine Glaubhaftmachung durch ein noch aufzufindendes, diesbezügliches historisches Dokument dem Anspruch des Fördervereins Ortgeschichte zuträglich. Also auf und weiter gesucht!


Noch einmal kurz zurück zu den Begleitschreiben, die der Jura-Student Goethe bei sich führte, um wohlwollend in die gehobene Gesellschaft von Rechtsgelehrten aufgenommen zu werden. Da längst nicht alle archivalischen Bestände in verschiedenen Verwahreinrichtungen übersichtlich überprüft werden konnten, kann man mutmaßen, dass allein aus dem Studienfach Jura vielleicht Kontaktnahme mit einem Oberhofgerichtsassessor von Below, zuständig in Leipzig und auch im Hause Sachsen-Merseburg von Goethe gesucht worden sein oder bestanden haben könnte. Von Below war 1770 als Eigentümer von Neuscherbitz (Gundorf) bekannt.


Man kann zwar mutmaßen, ob es entsprechende Verse gibt, von Goethe selbst sind, was unsere Gemeinde betrifft, (noch) keine literarischen Bemerkungen bekannt geworden; über einzelne der um Leipzig liegenden Dörfer und die dort befindlichen Wirtschaften schon, auch wenn diese »lasterhafter Natur waren, als dass sie nicht den Zorn der hohen ´Bücherkommission´ hätten erregen sollen«. Diese damalige »Bücherkommisson« war nichts anderes als eine Zensurbehörde, die schnellstens eingriff, um Sitte und Anstand zu wahren, so auch bei der Bannung des o. g. Kupferstichs.


Schon Goethe wusste also Leipzigs schöne Seiten zu schätzen. Schmunzelnd sei dazu noch an Goethes frühe Zeit erinnert, die ihn an der Seite hübscher Weiblichkeiten zeigten. Was hat das aber mit unserer unmittelbaren Ortsgeschichte von Böhlitz-Ehrenberg zu tun, darf man sich wie immer fragen. Viel Neues zu entdecken, ist ein Ziel.


So bleibt es unbenommen, einen weiteren Fingerzeig auf ein Stück städtischer Idylle der Gemeinde Böhlitz-Ehrenberg hinzuzufügen… Goethes Lust nach Natur ist bekannt, so unternahm er zahlreiche Spaziergänge in die Leipziger Umgebung mit seinem prächtigen Auewald. Sicherlich hatte ihn die reichhaltige Flora dieses Refugiums beeindruckt. Dass ihn als wahren Naturliebhaber und Naturforscher auch die Pflanzenwelt vor den Toren Leipzigs, selbst der Hügelrücken des Bienitz interessiert haben wird, kann man durchaus gern vermuten. Zumal die gastlich geöffneten Räume der Leipziger Gärten wie Apels Garten, Großbosischer oder Richterscher Garten Goethe veranlassten, zu verweilen wie auch die gern besuchten Vergnügungsorte wie das Rosenthal, Gohlis mit dem »bösen Merseburger Bier«, die Kohlgärten in Reudnitz, Connewitz, Raschwitz, nur das Jagdhaus der Oberförsterei (der heutige Kuhturm) fehlt – da war er recht froh und behaglich im Genuss einer der elterlichen Strenge fernen Freiheit.

Hannelore Schaaf


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