google-site-verification=YH2q0GamxuBGl1qV7ricoQL3nWE1D6EaWslbGN0HiSg Rückblick: Bombenfund bei Dölzig

Rückblick: Bombenfund bei Dölzig

Heimatverein Rückmarsdorf e. V.



Symbolfoto

Große Aufregung herrschte in Teilen der Ortschaften Dölzig, Frankenheim und Rückmarsdorf am Montag, den 9. Dezember. Eine Fliegerbombe aus dem 2. Weltkrieg war gefunden worden und musste gesprengt werden. Katastrophenalarm für die betreffenden Orte wurde gegeben, die Evakuierung von fast 3000 Einwohnern machte sich erforderlich, Straßensperrungen legten den Verkehr lahm, Einsatzfahrzeuge von Feuerwehr, Polizei und Gesundheitswesen waren überall präsent, bis nach Einbruch der Dunkelheit die erlösende Nachricht gegeben werden konnte: Die 250-kg-Bombe ist um 16.47 Uhr gesprengt worden. Niemand wurde verletzt, nichts wurde beschädigt.


Beim Betrachten der Pressefotos von der Fundstelle vor und nach der Sprengung sowie den Darstellungen der Umgebung und der Vorgänge an diesem Tage im Internet drängten sich mir als altem Rückmarsdorfer Einwohner Erinnerungen an die letzten Tage des Novembers 1944 auf: Aus einem US-amerikanischen ostwärts ziehenden Bombergeschwader war eines der viermotorigen Flugzeuge wahrscheinlich in der Nähe von Leuna von einem Flak-Geschoss der deutschen Luftabwehr getroffen worden.


Von den fünf Besatzungsmitgliedern konnten sich drei mit dem Fallschirm retten. Aus etwa 5000 Meter Höhe stürzte das beschädigte Flugzeug in Richtung Osten auf ein Feld nahe den Sauren Wiesen etwa 400 m westlich des Zschamperts und etwa 80 bis 100 m südlich der Reichsstraße 181 auf Dölziger Flur ab. Als Zwölfjähriger erhielt ich Kunde davon und machte mich vom Weinberg aus mit dem Fahrrad neugierig auf den Weg dahin. Trümmerteile waren über die Felder und Wiesen verteilt, ein großer Teil des Rumpfes mit der zerstörten Kanzel lag in Nord-Süd-Richtung an der genannten Stelle ungefähr hundert Meter entfernt vom jetzigen Fundort der Bombe.


Auch eine Menge anderer Schaulustiger spazierte wie ich zwischen den Trümmern umher. Was wir alle nicht wissen konnten: Eine der Bomben an Bord war offenbar nicht wie alle anderen schon abgeworfen worden, hatte sich kurz vor dem Aufprall jedoch gelöst und war etwa hundert Meter westlich davon nur knapp einen Meter tief in die Erde eingedrungen.


Mein Onkel, der Landwirt Robert Zeuner aus Dölzig, hatte auf dem Feld, wo die Maschine aufgeschlagen war, Winterweizen angebaut und sah nur ungern zu, wie nun die Leute die sprießende Saat zertrampelten. Kurz entschlossen holte er nach Absprache mit der Leipziger Militärbehörde von seinem Hof zwei kräftige schwarze Kaltblutpferde, klinkte Taue am rückwärtigen Rumpfteil ein und zog ihn mit den Pferden in Richtung Reichsstraße an den Feldrand nahe einer leichtes Gefälle aufweisenden S-Kurve. Dabei ergab sich jedoch ein trauriges Bild: Der tote Pilot kam an der Absturzstelle auf der Erde liegend zum Vorschein. Ein weiterer in der Maschine tödlich Verletzter war zuvor bereits von einer deutschen Militär­einheit abgeholt worden. Beide wurden auf dem Friedhof in Rückmarsdorf bestattet. Bis zum Eintreffen der US-Armee im April 1945 wurden die Gräber von Frau Berta Kießhauer gepflegt, wofür sie dann von den amerikanischen Besatzungssoldaten beschenkt worden ist. Eines der mit dem Fallschirm abgesprungenen Besatzungsmitglieder war hier auf Rückmarsdorfer Flur am Weinberg im Biergarten des Gasthofes zum Sandberg gelandet und wurde bis zum Eintreffen eines zuständigen Luftwaffenoffiziers im Rathaus am Sandberg festgehalten. Bedauerlicherweise war er dabei von einem Einwohner geschlagen worden, was dessen Begleiter andererseits verurteilten und unterbanden.


Am Folgetag traf an der Absturzstelle ein Trupp Soldaten ein, die die Treibstofftanks aus einer der beiden Flugzeug-Tragflächen auspumpten. Sie lag vom Feld her über den tief liegenden südlichen Straßengraben hinweg bis fast zur Straßenmitte der F 181. Die andere Tragfläche war noch mehr als 1000 Meter in Richtung Osten gesegelt und steckte im Dach des Wohnhauses der Familie Laue, die neben dem Gasthof Sandberg damals noch am heutigen Wegeingang zur Kegelbahn eine Bauernwirtschaft betrieb.


Nun also im Jahr 2019 wurden Rückmarsdorf und die umliegenden Orte noch einmal von dem Geschehen im Jahr 1944 eingeholt, nachdem Schatzsucher am 8. Dezember nahe der Absturzstelle mit ihrer Sonde die letzte der Bomben des betreffenden US-Flugzeugs aufgespürt hatten. 75 Jahre lang waren landwirtschaftliche Maschinen über sie hinweggerollt, hätten Pflugschare sie um Zentimeter berühren und zur Explosion bringen und die Schatzsucher am 8. Dezember ihr Leben verlieren können. Die Spezialisten vom Kampfmittelbeseitigungsdienst hatten sofort erkannt, dass es sich um ein besonders gefährliches Objekt handelte: Der Langzeitzünder der 250-kg-Bombe besaß eine Ausbausperre und einen komplizierten Auslösemechanismus, der die Bombe bei Berührung jederzeit zur Explosion bringen konnte, so dass nur eine Sprengung an Ort und Stelle in Frage kam, aber eine Abdeckung oder Aufschüttung dafür nicht möglich war. So war am 9. Dezember das Einrichten eines Sperrkreises von 1500 Metern um die Sprengstelle erforderlich. Die Bundesstraße 181 als Autobahnzubringer war für fast zwölf Stunden komplett gesperrt, auch die Zufahrtsstraßen für die Ortsteile im Sperrkreis wurden abgeriegelt. Den Bewohnern der Orte innerhalb des Sperrkreises blieb nicht erspart, ihre Wohnungen zu verlassen und sich bis zum Abend bei Bekannten oder in den öffentlichen Unterkünften aufzuhalten. So war ihre Sicherheit gewährleistet.


Abschließend noch einmal zurück zum US-Bomber: Bei der allgemeinen im letzten halben Kriegsjahr einsetzenden Unordnung dauerte es eine Weile, bis die Absturzstelle geräumt war. So wurde es Kraftfahrzeugmeister Müller aus Rückmarsdorf möglich, die Bombenwinde des Flugzeugs aus den Trümmern zu bergen und dann jahrelang als geeignetes Hebezeug zum Beispiel beim Aus- und Einbau von Motorblöcken zu verwenden. Die Familie Müller hat dieses Gerät freundlicherweise dem Heimatverein überlassen. Wer sich diese Bombenwinde ansehen möchte, mit der die jetzt gesprengte Bombe 1944 in den Bombenschacht des amerikanischen Flugzeugs gezogen worden war, kann das wie immer jeden ersten Sonntag nachmittags im Heimatmuseum Rückmarsdorf vornehmen.


Jochen Deweß


569 Ansichten

Anzeige

Bücher, Kalender, Souvenirs u. v. m.

Online-Shop

Anzeige

Anzeige

Anzeige

Herausgeber
Kolb & Achtner Werbeagentur & Verlag
Inhaber: Denis Achtner
Leipziger Straße 71・04178 Leipzig

03 41 / 4 41 85 05

info@kolb-und-achtner.de

E-Mail senden

Redaktion & Umsetzung:
© 2020 by Denis Achtner
Kolb & Achtner Werbeagentur & Verlag
Inhaber: Denis Achtner
Leipziger Straße 71・04178 Leipzig

03 41 / 4 41 85 05

E-Mail senden

  • Facebook
  • YouTube
  • Instagram