Anno dazumal: Gasthaus "Zur grünen Aue"

 

 Von den zahlreichen Gaststätten in Böhlitz-Ehrenberg existieren heute nur noch die wohlklingenden Namen, die die älteren Einwohner noch kennen: Gute Quelle, Große Eiche, Zum Ritterschlösschen, Feldschlösschen, Waldmeister... und die Grüne Aue. In letztere kann man zumindest 139 Jahre nach der Eröffnung, wenn auch nicht im historischen Gebäude, noch immer einkehren.

 

1878 richtete Karl Friedrich Kriegenherdt in seinem Nachbargut in der Auenstraße die Gastwirtschaft »Zur grünen Aue« ein. Ab 1906 bewirtschaftete Friedrich Felix Kriegenherdt die Restauration. 1913 wechselten die Konzert- u. Ballsäle »Zur grünen Aue« in den Besitz des privatisierenden Bäckermeisters Walter Lehmann. Der am Waldeingang gelegene Gasthof entwickelte sich zu einem beliebten Ausflugsziel, was auch die zahlreichen Ansichtskarten aus dieser Zeit belegen. Auf diesen warb man für das Vergnügungs-Etablissement, wahlweise auch Ball- und Gesellschaftsetablissement. Die abgebildeten Lithografien und Fotos luden zum geselligen Vergnügen in den schattigen Biergarten, zum Tanz in die zwei Säle, auf die Kegelbahn oder ins Gasthaus ein, gleichzeitig konnte man damit postalisch Grüße aus der Grünen Aue versenden, was mangels Fernsehen und digitaler Medien in dieser Zeit rege genutzt wurde. Dass die Gebäudedarstellung auf den Lithographien nicht immer ganz der Wahrheit entsprach, zeigt eine Ansichtskarte, postalisch gelaufen 1901, auf der der Giebel des Saales genau wie der Giebel des Gasthauses aussieht.

 

Der große Saal, ausgeschmückt mit Deckenmalerei, stand an der Ecke Auenstraße/Entsbergerstraße. Zwischen diesem und dem Gasthaus befand sich ein Durchgang mit schmiedeeisernem Tor, durch welches man zum Biergarten gelangte, in dem große Kastanienbäume wuchsen. An der Giebelwand des Saales, die genau gegenüber der Straße Richtung Wald stand, war bis zum Schluss der Schriftzug »Garten u- Vergnügungslokal« zu lesen, unter dem teilweise die Buchstaben der vorangegangenen Beschriftung durchschimmerten: »Concert- u Ball-Etablissement«. So wurden die aus der Burgaue kommenden Ausflügler schon von Weiten auf das Garten-Etablissement aufmerksam gemacht.

 

 Das Restaurant selber war sehr klein und befand sich rechts im Erdgeschoss. Links war das Vereinszimmer. Hinter der Gaststube waren mehrere Anbauten: Küche und Lager sowie die separate Kegelbahn. Der kleine Saal stand links hinter dem Gebäude. Die Toiletten für die Gäste waren nur über den Hof erreichbar. Schon am frühen Nachmittag ging man mit der Familie in den großen schattigen Garten, wo die Männer ein Bier und die Kinder rote Fassbrause tranken und man in geselliger Runde zusammensaß. Die rote Fassbrause wurde übrigens bis zur Schließung des Lokals ausgeschenkt.

 

Auch zahlreiche Vereine, wie der Kaninchenzüchterverein Leipzig-Land, die Konzert- und Humorfreunde, der Kirchenchor, der »Saxonia«-Fußballklub, der Stenographenverein und der Turnersängerchor nutzten die Grüne Aue als Vereinslokal, wie eine Auflistung aus dem Jahr 1920 zeigt. Auch die Feuerwehr wählte die Grüne Aue einige Jahre als Vereinslokal. Diese Tradition führte die Wandergruppe »Erzgebirge« fort, die in den 1980er Jahren jeden Dienstag im Lokal einkehrte und auch trotz schwindender Mitglieder dem Lokal bis zum Abriss die Treue hielt. Nach dem Krieg fanden im Saal wieder die Ausstellungen der Kaninchen- und Geflügelzüchter statt, die von den Einwohnern rege besucht wurden und bis in die 1960er Jahre stattfanden. Noch 1962 kann man im  »Kulturspiegel« lesen, dass die Sparte Rassegeflügel jeden 2. Sonnabend im Monat in der Grünen Aue ihre Fachberatungen durchführte. Auch diente der Saal als Probenraum für den Chor unter der Leitung von Herrn Steinmetz für ein Konzert 1948. Bis 1956 trafen sich jeden Donnerstag die Mitglieder des 1903 gegründeten Böhlitz-Ehrenberger Volkschores zu ihren Übungsabenden im kleinen Saal der Grünen Aue. Mitte der 1960er Jahre endete die Ära des Gebäudes für Festlichkeiten und Bälle. Vielleicht wurde noch der eine oder andere Ball geworfen bzw. manch tänzerische Turnübung zur Leibesertüchtigung durchgeführt, für den großen Saal der Grünen Aue gab es jedoch keine Wiederbelebung. Er diente nun als Turnhalle, da die alte Turnhalle auf dem Schulgelände 1967 abgerissen wurde und der Turnhallenneubau erst 1974 fertig war.

 

 Auf der Bühne der Grünen Aue trennte eine hölzerne Bretterwand die Jungen und Mädchen beim Umziehen. Auch als Möbellager des »Waldmeisters« wurde der Saal anschließend genutzt. Bis 1972 führte der Wirt Heinz Lehmann den Familienbetrieb »Grüne Aue«. Nach seinem Ableben wurde die HO-Kommissionsgaststätte verstaatlicht. Am 20.7.1972 übernahm Horst Müller die HO-Biergaststätte. Es gab insgesamt 65 Plätze, davon 35 im Restaurant und 30 im Vereinszimmer. Zur Wahrung der »Versorgungspolitischen Aufgabenstellung« gab es einen »Versorgungsauftrag«, in dem die Preisstufe und die Preisgruppen für die Gerichte festgelegt wurden. 1982 bezahlte man für eine Suppe 0,75 M, für ein warmes Hauptgericht 2,20 M, ein kaltes Hauptgericht 2,00 M, ein Gericht für Kinder 1,25 M sowie eine Nachspeise 0,60 M. Preise, von denen man heute nur noch träumen kann! Auch die Öffnungszeiten wurden in diesem Vertrag geregelt. Die Grüne Aue durfte von 14.00 bis 22.00 Uhr öffnen und auf der Kegelbahn mit 15 Plätzen gab es ein Sortiment Flaschenbier. Ein Bier in der Gaststätte kam 40 Pfennig. Beliebt war das Sternburg-Export-Bier mit der Goldkappe, welches der Wirt extra für seine Gäste organisierte.

 

Bis 1989 gab es die Gaststättenleitertagungen, auf denen unter anderem die Hygienevorschriften besprochen und auch die genauen Gewichtsangaben der einzelnen Zutaten für die Gerichte (z. B. für Soljanka und Bauernfrühstück) festgelegt wurden. Das hieß, einheitliches Essen in allen Gaststätten. Der schöne, schattige Biergarten durfte aus hygienischen Gründen nicht mehr bewirtschaftet werden. Auch der kleine Saal war nur noch Lager der Post und der HO. Der Gastwirt und seine Familie wohnten in der Etage über der Gaststube. Als die Familie 1972 dort einzog, gab es in der Wohnung nicht mal eine Heizgelegenheit. Das Küchenfenster in der Wohnung war vergittert und irgendwann waren auch die Dielen im Bad so morsch, dass man durchbrach. An der inzwischen fast 100-jährigen Bausubstanz war bisher kaum etwas verändert wurden. Nur die rechte Tür wurde zurückgebaut als Fenster für die Gaststube. Schaut man sich alte Ansichtskarten kann, sieht man noch zwei Eingänge.

 

 Der Wirt Horst Müller war sehr beliebt. Die Gäste kamen von weit her. Aber auch aus den umliegenden Betrieben ging man schnell in die »Aue« zum Essen, oder nahm es im mitgebrachten Topf oder Geschirr mit. Auch die Anwohner der Auenstraße suchten in den 1970er und 1980er Jahren nach getaner Arbeit vom Hausbau und -renovierung gern die Gaststätte »Zur Grünen Aue« auf. Als Stammgäste wurden sie vom Wirt Horst Müller gleich in die Küche durchgewunken, um dort mit Speisen und Getränken versorgt zu werden. Das Motto dieser Feierabendbiere war immer: »Wir gehen zu Dr. Müller zum Nieren spülen!«. Solche gemütlichen und anheimelnden Kneipenbesuche sind heute aufgrund von Hygienevorschriften nicht mehr vorstellbar. Schade!

 

 

Ebenfalls beliebt war der Platz am gasbetriebenen Rippenofen, welcher am Schornstein gegenüber der Theke stand. Dort war es im Winter am wärmsten. 1988/89 wurde die Gaststätte renoviert, Heizkörper eingebaut und das Mobiliar erneuert. Nach der Wende konnten die Müllers im November 1990 die Grüne Aue privatisieren und weiter bewirtschaften. Genau wie es ein aktives Vereinsleben in der »Aue« gab, fanden dort auch zahlreiche politische Veranstaltungen statt. So wurde nach der Wende aus der LDPD der FDP-Ortsverband Böhlitz-Ehrenberg gegründet. Auch das Neue Forum hielt seine Sitzungen in der Gaststube ab. Ebenso fanden hier die Versammlungen der »Freiwilligen Wählervereinigung« sowie des nach der Wende neu gegründeten Schützenvereins statt. 1994 kamen die Bagger. Mit ihnen verschwand ein Teil der alten Dorfstraßenbebauung und mit ihr ein Stück Identität von Böhlitz-Ehrenberg. An gleicher Stelle wurde ein modernes Wohnhaus errichtet, in dem im Erdgeschoss am 6.12.1996 die »Grüne Aue« vom Wirt Herrn Otto wiedereröffnet wurde. Die anfangs gelbe Fassade bekam im Sommer 2013 einen grauen Anstrich. In der Auenstraße, der alten Straße von Böhlitz-Ehrenberg, sind leider nur noch wenige der früheren Dorfstrukturen mit den ehemaligen Nachbargütern erkennbar.

 

Bedauerlicherweise verschwinden diese immer mehr und weichen einer modernen Bebauung ohne Wiedererkennungswert. Man kann nur hoffen, dass die Vision der Kriegenherdts, Lehmanns und Müllers in die Zukunft getragen wird, damit gesellige Menschen dann immer noch in der Grünen Aue beisammen sitzen können. Ein schöner und wünschenswerter Gedanke!

 

Kirsten Haasch

 

 

 

 

 

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